Was tun bei kopfscheuem Rind?

  • Hallo,

    ich habe ein etwa einjähriges Problemrind - die Paula. Sie ist schon viel neben meiner Spannkuh Fanny mitgelaufen und wenn sie am Halfter ist geht sie auch manierlich. Sie kann anhalten und weitergehen und ich wollte sie als zweites Zugrind aufbauen. Im Alter von 5 Monaten gab es mal einen Zwischenfall auf der Weide. Da hatte ich sie am Halfter mit der Hand genommen, weil ich das täglich einmal übte und dann ist sie wohl erschrocken und hat mich 50 Meter mitgeschleift. Ich wollte nicht auslassen, damit ich Chef bleibe.... Seitdem ist sie mal mehr mal weniger kopfscheu.

    Sie hat eine Bewegungszone von etwa zwei Metern. Zum Einfangen (jetzt sind sie im Winterstall) muss ich sie zuerst in den Innenbereich sperren und die anderen Rinder anleinen, dann kann ich sie kriegen. Sobald ich sie am Halfter habe ist sie lammfromm. Das mache ich derzeit täglich zum füttern.

    Ich habe schon versucht im Korall zu trainieren, sie laufen zu lassen und dann langsam auf sie zuzugehen, das begreift sie als Spiel und läuft dann wie verrückt runden. Wenn ich mich in den Korall stelle und Äpfel oder Krummetheu dabeihabe kommt sie, aber sobald ich mit der zweiten Hand auf ihren Kopf zugehe zuckt sie weg.

    Möglicherweise hat sie das von ihrer Großmutter, die wollte nicht von vorne angefasst werden, man konnte die aber im Gegensatz zu Paula vom Hals her am Halfter nehmen.


    Was meint ihr ?

    Wie kann ich mit ihr üben?

    Oder soll ich sie weggeben, ein weiters Jahr warten und auf Erna, das Kalb warten, bis ich zweispännig fahren kann?


    Viele Grüße

    Hermann

  • Hallo Hermann, leider ist es viel aufwendiger, einen Fehler zu korrigieren als ein ganz neues Kommando zu lehren. Die Entscheidung musst Du selbst treffen.

    Ich würde es in der Zeit bis Erna soweit ist mit Paula weiter probieren. Wenn sie nichts dabei lernen sollte, tust Du es zumindest und wenn es nur Geduld ist. Dafür ein paar Vorschläge:


    Bei folgenden Übungen versuchen, das Tier nicht anzugucken, sich eher seitlich als frontal zu nähern und keine hektischen oder pirschenden Bewegungen machen.


    - Leckerlis lange Zeit aus der Hand füttern und dabei langsam wieder mit der anderen Hand an Streicheln und Kraulen hinter den Hörnern und an Unetrhals und Unterkiefer gewöhnen.

    - wenn sie aus der Hand frei nichts nimmt, hilft es manchmal die Hand (mit oder ohne Leckerli) hinzuhalten und wenn sie schuppern kommt, langsam die Hand zurückzuziehen, als ob die Hand selbst schüchtern wäre. Das oft weiderholen, bis sie sich wieder traut das Leckerli aus der Hand zu nehmen.

    - wenn sie (wieder) vetrauensvoll etwas aus der Hand nimmt, auf keinen Fall "fangen" oder festhalten. Erst langsam das Festhalten und Anbinden wieder üben.

    - wenn sie Halfter oder Halsband an hat und Leckerlis aus der einen Hand nimmt, langsam daran gewöhnen, daß sie sich mit der anderen Hand anfassen lässt. Ist das der Fall, das selbe mit Strick in der "Streichelhand" üben (mit Strick streicheln), immer wieder, kleine Schritte, Geduld.

    -Wenn das irgendwann auch wieder geht, ist es praktisch wenn man einen Strick mit Karabiner hat, nicht mit Panikhaken. Dann mit geöffnetem Karabiner in der Hand streicheln während die andere Hand füttert, dann irgendwann den Karabiner unauffällig dran und wieder abmachen, ohne das in ihrem Hirn eine Verbindung ensteht zwischen Streicheln, Karabiner dranmachen und festgehalten werden.

    - Erst wenn das gut klappt, Karabiner länger dranlassen mit durchhängendem Strick und erst im nächsten Schritt mit dem Strick anbinden oder führen.

    Damit es nicht wieder einreisst: die ersten (ca. 15-20) Male eine Zeitlang nach dem Einklinken des Karabiners mindestens 20 Sekunden mit durchhängendem Strick Streicheln oder füttern bevor Spannung auf den Strick kommt.


    Alternativ


    - am Kopf bürsten, notfalls erstmal angebunden und natürlich nur wenn sie das mag. Wenn sie es am Kopf nicht mag, unter dem Hals probieren. Wenn das auch nicht geht: langsam von hinten erst an den Hals, dann an den Kopf heranbürsten, das kann mehrere "Sitzungen" dauern, notfalls ganz hinten neben dem Schwanz anfangen.


    Wenn sie es genießt- egal wo- das selbe auch draußen probieren, hinten neben dem Schwanz anfangen, eventuell mit verlängertem Stiel an der Bürste.


    Wenn sie sich wieder anfassen lässt siehe oben.


    Es kann - auch wenn es geklappt hat- immer mal wieder passieren, daß sie weggeht wenn Du kommst, dann wieder von vorne anfangen.


    Viel Erfolg!

  • Hallo,

    danke für die ausführliche Antwort. Ich bleib dran und hab auch schon erste Erfolge. Wetterbedingt möchte ich grad nicht draußen üben, also hänge ich sie zum Füttern an, streichle sie dabei am Bauch (das mag sie) und teilweise auch am Kopf, da muss ich recht vorsichtig rangehen. An den Ohren versuche ich sie T-Touch mässig zu massieren, aber ich weiss nicht, ob sie das mag....


    Aber heute hat sie sich schon deutlich entspannter einfangen lassen - wobei im Stall mit 4x4m ist das noch nicht das gleiche wie draußen.


    Danke

    Hermann