Nicht mitkommen und "Zähneknirschen"

  • Liebe Forumsteilnehmer!


    Meine Kuh Snickers (Fleckvieh; 3,5 Jahre alt; seit fast 1 Jahr im „Training“ mit führen und etwas reiten) läuft nicht immer gerne mit mir mit.
    Sie lässt sich aufhalftern, geht mittlerweile gerne auf einmaliges Kommando aus dem Stall raus.
    Da, wo sie gerne hin will, läuft sie einwandfrei mit (zum Beispiel Richtung Stall, einmal um den Stall rum, Richtung Silo, an Hausgärten vorbei, wo es was zum sehen gibt).
    Wenn sie aber nicht will, bleibt sie stur stehen und geht auf das Kommando „Los“ erst nach vielleicht 5-10maligem auffordern einen kleinen Schritt. Während dem Stehen und wenn ich sie aufgefordert habe zum „Los“ "knirscht" sie manchmal leise mit den Zähnen (ist ehr ein dumpferes Geräusch wegen der Kauplatte vermutlich).
    Wie muss ich das deuten? Unmut, dass sie da jetzt mit muss obwohl sie nicht will? Wenn sie nicht los will, hält sie auch ihren Kopf etwas tiefer.
    Wie soll ich mit solchen Situationen umgehen? Immer wieder das Kommando „Los“ geben und hoffen dass es dann weiter geht oder wirklich einfach mal warten bis es ihr langweilig wird und sie dann gerne mitkommt? Nach dem Motto: Wer ist geduldiger?
    Wie gesagt, wenn sie will, läuft sie sehr schön mit, bleibt auf Kommando stehen, links und rechts und auf „Los“ geht’s wieder los. Auch das reiten klappt super, wenn sie will. Sie lässt mich aufsteigen, ohne einen Schritt zu machen.
    Schwierig zu beschreiben, vielleicht bekomm ich ja mal ein Video hin…


    Ich würde mich über eure Erfahrungen - und wie ihr damit umgehen würdet/umgegangen seid – sehr freuen.


    Viele Grüße
    Julia

  • Hallo Julia,


    Schön von Dir zu lesen.


    Snickers klingt nach einer tollen Kuh, die schon viel kann.


    Gegen das "Stehenbleiben" hilft Routine. Die Aufgabe kennen. Den Weg wissen. Sich sicher sein.


    Teils ist es aber auch typisch Kuh und bleibt als Verhaltensmuster bestehen.


    Meistens gibt es einen Grund:


    "Zuviele Fliegen, so kann ich unmöglich laufen"
    "Schon 16:30 Uhr, die anderen kriegen gleich Fressen."
    "Wenn wir in einer halben Stunde zurück sein wollen, müssen wir jetzt umdrehen"
    "Das Geschirr passt nicht mehr, guck mal nach"
    "Auf dem Schotterweg kann ich schlecht laufen"
    "Die Leute finde ich blöd, ich geh nicht von der Weide"
    "Den Weg trau ich mich nicht."
    "Keine Lust alleine."
    "Ich muss zurück zum Kalb"
    ...



    Zähneknirschen kommt oft vor, wenn sie angespannt sind sich aber eigentlich nicht gegen einen wenden wollen.
    Etwas ist blöd. Ein innerer Konflikt. Murmel knirscht mit den Zähnen, wenn ich ihn aus dem Stall nehme - ohne Mama. Friedolin knirscht mit den Zähnen, wenn er sich beeilen soll. Oder wenn die Kekse alle sind.


    Manchmal hilft warten. Manchmal absteigen und führen. Manchmal locken.
    Meistens eine zweite Person, oder ein zweites Tier.
    Manchmal hilft aber auch gar nichts, ausser es am nächsten Tag wieder zu versuchen und zu überlegen, ob es vielleicht doch einen Grund gab den man nicht bemerkt hat.


    Etwas Druck zu machen ist oft hilfreich. Mehr jedoch nicht. Sie werden dann nur verärgert, fangen an zu kämpfen oder reagieren ängstlich. Am Ende hat man ein misstrauisches, nachtragendes und u.U. gefährliches Tier.
    Man braucht lang um das Vertrauen wieder herzustellen und wirft sich das noch ewig vor.


    Also besser freundlich, stur und gleichbleibend sein. Immer wieder bitten. Stehkampf.
    Wenns klappt loben und wenn^s mal gar nicht geht. OK. Morgen wieder.
    Man selbst kommt sich dann Losermässig vor, aber die Tiere rechnen es einem positiv an wenn man auch mal akzeptiert, "Dass jetzt Schluss ist" oder "Dass es heute einfach nicht geht."
    Manchmal stehen sie schon eine Stunde später wieder am Tor und haben Lust etwas mit einem zu machen.


    Also: Snickers ist super. Weiter so.


    Gruss, Anne

    Edited 3 times, last by Anne ().

  • Ich kann Anne da nur bestätigen.
    Zähne knirschen kenne ich von meist jungen Rindern in genau der Situation- Wenn sie noch nicht das Vertrauen haben mitzukommen, eine Mischung aus ängstlich und ärgerlich.
    Das, was Du willst, sollte Attraktiv sein. daß eine 2. Kuh die mitgeht gut wäre hat Anne schon gesagt, Leckerlis hast du sicher schon ausprobiert, dann war da noch die 100m Grenze: ist die einmal überschritten geht es dahinter meist viel besser und nächstes Mal auch wieder. Zick zack gehen hilft auch manchmal, dann merken sie nicht so, daß sie in die Richtung gehen, die ihnen- warum auch immer- gerade nicht passt.
    Manchmal ist da auch nur ein Gulideckel, an dem sie nicht vorbei wollen- oder etwas anderes, was man selbst nicht erkennt. Ist es immer die gleiche Stelle oder die gleiche Entfernung zum Stall/ zu den anderen? Dann hilft es vielleicht, einen Umweg zu gehen oder sich der Sache andersherum zu nähern. Manchmal hilft auch Rückwärtslaufen. Durch leichtes Seitwärtszupfen kann man sie durch "aus der Ballance bringen" zu einem weiteren Schritt bewegen, der oft ein Weitergehen auslöst.
    Wenn es aber immer in einer bestimmten Entfernung zum Rest der Herde auftritt, hat sie einfach noch nicht das Vertrauen, Dir soweit zu folgen.
    Das passiert dann einfach irgendwann plötzlich, wie ein Geschenk.
    Also, wie Anne schon sagt: Weitermachen!

  • bei Zähneknirschen auch an Schmerzen denken ...
    denke zwar nicht daß das hier der Grund ist aber immer einen Gedanken wert

    "Aber ich kann nicht so tun, als wüsste ich nicht von dem Leid der Menschen, die hier Zuflucht suchen." Sarah Connor, 15.10.2015


    "Wenn ein Fremdling bei Euch wohnt in Eurem Lande, den sollt Ihr nicht bedrücken. Er soll bei Euch wohnen wie ein Einheimischer unter Euch, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst." 3.Buch Mose

  • Hallo,


    vielen Dank für die ausführlichen Antworten!


    Also ist es sinnvoll immer den genau gleichen Weg/Runde zu gehen?
    Einen bestimmten Teerweg (langer Weg an Wiesen entlang ohne viel zu sehen am Wegrand) mag sie meistens nicht gehen, zumindest in die Richtung vom Stall weg. In Richtung Stall stellt der Weg auch kein Problem dar.
    Richtung Stall geht es eigentlich immer sehr gut, egal welcher Weg es ist. Sie lässt sich dort aber auch anhalten und bleibt geduldig stehen – und läuft aufs erste Kommando zum losgehen wieder mit.
    Ja, meistens sind es die gleichen Stellen, wo sie dann nicht weiter will!


    Ich bin eigentlich immer alleine Unterwegs. Selten, dass eine zweite Person dabei ist. Ein zweites, bekanntes Tier war noch nie dabei. Wir sind eigentlich immer alleine, schon von Anfang an. Dafür finde ich haben wir schon ordentliche Fortschritte gemacht, sicher wäre es leichter gewesen, schon als Kalb zu beginnen. Snickers geht ja jetzt auch schon auf einmaliges Kommando aus dem Stall, das war vor einiger Zeit noch anders!
    Vielleicht sollte ich mir wirklich ein zweites Tier mitnehmen! Kann es dann sein, dass sie dann alleine gar nicht mehr gehen will?


    Mich hat vor allem das Zähneknirschen etwas irritiert, dass ihr das weitergehen so wiederstrebt. Anfangs hat sie das nämlich nicht gemacht,da ist sie noch sturer stehen geblieben und wollte gar nicht gehen.


    Schmerzen sind ein guter Hinweis, denke aber auch dass das nicht der Grund ist, sie hat ja nur ein Halfter an und sonst nichts. Wenn sie will, dann läuft sie ja sehr schön und gleichmäßig.


    Thema Spielaufforderung oder Drohung? Snickers wird manchmal übermütig auf weichem Boden (vor allem wenn wir schon länger nicht mehr draußen waren) und fängt das hüpfen und etwas zu rennen an. Dabei stellt sie sich manchmal vor mich, den Kopf etwas gesenkt und die Stirn-Nasenlinie senkrecht bzw. teilweise hinter der Senkrechten und schlenkert mit ihrem Kopf. Die restliche Mimik kann ich dabei kaum sehen, dazu geht das Ganze zu schnell. Zwischen uns ist immer ein guter Abstand, sie hat mich noch nie berührt. Muss ich das als Drohung auffassen, weil die Nase nicht vorne ist?
    Wenn ich dann mit ihr renne, nimmt sie das nur manchmal an und dann rennen wir ein kurzes Stück. Ich kann sie dabei immer am Strick halten.
    Manchmal zeigt sie dieses Verhalten auch wenn ich sie schon ein paarmal aufgefordert habe zum losgehen und sie wollte nicht. Muss ich das dann getrennt Betrachten? Also wenn ich sie aufgefordert habe zum losgehen als Drohung "Nein ich will nicht" und wenn vorher nichts war als Spielaufforderung?
    Wie sollte ich darauf reagieren? Habe ich dann schon zu viel Druck gemacht und zu viel verlangt? Wie gesagt, das macht sie nur auf weichem Boden auf der Wiese!


    Ja: wir machen weiter!

    Edited once, last by Snickers ().

  • Hallo Snickers,




    ich finde es sehr hilfreich einen Weg / oder mehrere Wege zu haben, die sie richtig gut kennen.
    Auf diesen Wegen übe ich dann immer wieder etwas Neues.
    Schlangenlinien laufen, von hinten lenken, etwas ziehen, einen Reiter tragen usw.
    Wenn sie "in ihrem Gebiet" sind, fühlen sie (und ich) uns sicher und können uns gut auf ein neues Detail konzentrieren.
    An den Problempunkten, die immer wieder schwierig sind, hilft nur immer wieder üben. Oft hilft es auch schon ein paar Meter davor die Richtungsänderung einzuleiten / die Seite zu wechseln / oder die Aufmerksamkeit des Tieres auf etwas anderes zu lenken.


    zu Spielaufforderung / Drohung:


    Deine Interpretation ist meiner Meinung nach richtig u deckt sich mit den Verhaltensäusserungen meiner Tiere.
    Wenn sie von hartem auf weichen Boden kommen, ist die Begeisterung so gross, dass oft für einen Moment Anarchie herrscht - und gerne alles in Frage gestellt wird. Sie freuen sich, werden übermütig, hüpfen in die Luft, fordern zum Spielen und rennen auf - und wollen anschliessend meistens fressen. Unsichere Tiere, oder solche die länger nicht draussen waren, rennen in solchen Momenten auch gerne nach Hause.


    Um dem vorzubeugen lasse ich die Tiere vor dem Training auf der Weide rennen. Da schlenkern sie dann mit den Köpfen und hoppeln um mich rum, oder wir rennen gemeinsam. Danach ist die grösste Anspannung raus und das Problem stellt sich viel weniger. Mit vielen könnte ich ansonsten überhaupt nicht laufen gehen.


    Wenn ich sie nicht rennen lassen kann, bleibe ich prinzipiell nur auf Asphalt oder Schotterboden. Bei einem aufgeregten/ unausgelasteten Tier ist die Situation oft schon ausser Kontrolle, wenn es mit zwei Füssen auf weichem Boden steht. Für so ein Tier gilt: Bleib weg von weichen Böden.


    Falls das Tier die Entscheidung getroffen - u einen auf die Weide gezerrt hat (und kein Pfosten in Strickentfernung ist) ist man meistens gut beraten, so zu tun als ob nichts passiert wäre und es fressen zu lassen. Wenn man Glück hat vergisst es über das Fressen, dass Bocken und nach Hause zischen auch lustig wäre. Erst wenn es wieder normal atmet und sich nicht schon bei leichtem Strickanziehen komplett anspannt habe ich eine Chance es bis zum Weg zu schaffen. Wenn ich das Gefühl habe, dass nur noch mit Sturheit - aber nicht mehr mit berstendem Übermut zu rechnen ist, sage ich "komm hü" und bin dann sofort streng.


    Mein Verwarnungslaut ist ssssst. Das klingt so ähnlich wie das gepresste Drohschnauben und wird gut gehört.


    Dann versuche ich, ob ich eine Rechts- oder Linkskurve durchsetzen kann. Wenn sie mir drohen - oder ich damit rechne dass sie es tun - stelle ich mich so, dass ich sie rechts schicken kann. (Ich stehe kurz vor der linken Schulter, halte mit der rechten Hand die Gerte u mit der linken den Strick. Mein linker Arm versperrt den Weg nach vorne. Mit dem rechten ticke ich sie mit der Gerte, bei "komm hü" an der Schwanzwurzel an und unmittelbar danach an der linken Schulter. Dann wieder hinten. Und falls nötig sofort wieder an der Schulter.


    Manchmal kann ich sie auch ablenken oder mit einer Handvoll Grass oder einem Leckerchen auf mich konzentirieren und wieder auf den Weg locken.

  • Ach ja, wenn man in der "Hurra weicher Boden Situation" ein zweites Tier dabei hat, und eins bockt, bockt das zweite meist unmittelbar darauf auch.


    Wenn Snickers bereits gut alleine geht, verlernt sie das nicht mehr. Auch wenn ab und zu ein zweites Tier mitkommt. Gelernt ist gelernt.
    Nur Kühe die frisch gekalbt haben u nicht ohne ihr Kalb gehen mögen sind eine Ausnahme.

  • Hallo Anne,


    vielen lieben Dank für deine super beschriebene Vorgehensweise!


    Heute hat Snickers beim nicht laufen wollen sehr oft Zähne geknirscht, war aber sonst recht ruhig mit dem Kopf. Ich war dann aber sturer und wir haben den mir vorgenommenen Weg geschafft. Hat natürlich etwas gedauert, aber immerhin! Auf dem Rückweg bin ich dann geritten. Da gehts dann nicht so zäh. Lässt sich aber auf Kommando anhalten. Links und Rechts funktioniert teilweise auch schon gut. Mich freut es immer wieder wie unerschrocken, gelassen aber interessiert sie in Situationen mit vielen Autos/Maschinen, Menschen und Tieren (Pferd, Hund, Katze) bleibt. Ja, es macht wirklich Spaß und wir bleiben dran!
    Zur Belohnung gibts Streicheln und Striegeln. Das funktioniert besser als Leckerli, die hat sie am Anfang gar nicht genommen draußen vor lauter neuem Unbekanntem.


    Wir haben leider (noch) keine Weide, deshalb muss ich Snickers immer am Strick hüpfen und rennen lassen.

  • Hallo,


    Ich habe das Zähneknirschen auch unabhängig vom Training draußen beobachtet. Wenn sie langes Heu und Grassilage gefressen hat, "knirscht" sie auch mit den Zähnen unmittelbar nach dem fressen. Wiederkautätigkeit ist normal (laut Wiederkaumessung und eigene Beobachtungen). So wiedergekaute Ballen wie es bei Zahnwechsel manchmal vorkommt hab ich auch noch nicht gesehen. Milchproduktion auch normal, nicht abgemagert. Kann ich dann Zahnprobleme/Schmerzen ausschließen?


    Weide wird nächste Woche gemacht um Snickers vorher rennen zu lassen.